Sonntag, 13. August 2017

Auf der Suche nach einer Geschichte?


Da wird man unverhofft in eine Gruppe eingeladen, in der sich vielseitig Literatur- und Sprachbegeisterte dazu aufmachen, eine Geschichte zu schreiben, in der einige vorgegebene Wörter beinhaltet sein sollten ... 

Nun ist das LEBEN selbst bei der hobbymäßigen Betätigung des Schreibens kein Zuckerschlecken. Allzu oft verheddert man sich in den Fäden des Alltags, in den Anforderungen und Unwägbarkeiten jedes einzelnen Tages, der gelebt werden muss. Die Vorstellung des erfolgreichen (oder zumindest vom wohlmeinenden BESTEN FREUND gelobten) Schriftstellers bleibt nur allzu oft ein sehnsuchtsvoller TRAUM.  
So manch Einer hat vielleicht die Möglichkeit, sich während eines Urlaubs in ANDALUSIEN oder anderen hitzegeflirrten Gefilden der SONNE hinzugeben und dabei seine Gedanken in ungeahnte, schriftstellerische Höhen schweifen zu lassen und diese brilliant zu Papier zu bringen …
So manch Einer wird in unzähligen, viel zu langen Nächten versuchen, die Mühsamkeiten des Tages abzuschütteln und sich dem Verfassen eines wunderbaren Textes zuzuwenden, in der Hoffnung auf phantasiereiche Erlösung …
So manch Einer wird nach unzählig verworfenen ersten Sätzen  BLUT und Wasser schwitzen und den Schreibversuch auf die nächste masochistische Lebensphase verschieben …

Wie auch immer: wir befinden uns also auf der Suche. Nicht nach der sprichwörtlichen verlorenen Zeit, auch nicht nach dem den passionierten Theaterbesuchern geläufigen Autor -  in unserem Falle erklärtermaßen nach dem Autor in uns selbst, nach einer Geschichte, nach einem Gefühl, nach einem Erlebnis, das wir in irgendeine literarische Form fassen könnten. 

Dem Einen mag das pointierte Haiku genehm sein, dem  Anderen die etwas längere Kurzgeschichte.  In unserer noch ungereimten Phantasie, in der es sich nicht selten besser als in der Wirklichkeit tummeln lässt, versuchen wir, unsere Kreativität zu entdecken und diese dann ganz real schriftlich auszuleben. Wir versuchen, unsere Gedanken Kinderhand entwichenen LUFTBALLONS gleich in ungeahnte Höhen steigen zu lassen, hoffend, dass sie wie ein Bumerang zu uns zurückkommen mögen – selbstverständlich schön ausgeformt in wohlfeilen Worten.

Wenn es denn so einfach wäre! Schreiben bedeutet Ringen um Gefühle, Ringen um Einfälle, Ringen um Erinnerungen, Ringen um Abstraktion und Ringen um jeden einzelnen Satz, um jedes einzelne Wort. Schreiben ist selbstauferlegte Arbeit, verlangt den Luxus von Zeit, offene Augen und Sinne, Unvoreingenommenheit und Selbstkritik. Schreiben ist mit dem Leben selbst zu vergleichen.


Und während ich noch auf der Suche nach der kreativen Eingebung bin, erkenne ich, dass das Leben, das Erleben, Interpretieren, Reagieren und Verstehen all dessen, was tagtäglich um mich herum vor sich geht, eben diese meine Geschichte hätte sein können  – so wie diese Suche, die sich mittlerweile allerdings von selbst erledigt hat, weil sich die besagte Facebook-Gruppe nach nur kurzer Zeit ins unkreative Nichts verflüchtigt hat … 
😏😏😏

Dienstag, 1. August 2017

Als die Sonne sich dem Horizont näherte und dabei Glanz und Form verlor und schließlich als rote Ellipse in bleigrauem Dunst versank ... Christoph Ransmayr

Einige schöne Bücher konnte ich in letzter Zeit wieder lesen, eines davon und ganz besonders erwähnenswert ist dieses:
Der Atlas eines ängstlichen Mannes des von mir sehr geschätzten Autors Christoph Ransmayr.

Das Buch ist eine Sammlung von siebzig Reisegeschichten, die Ransmayr in die nahen, aber vor allem auch entferntesten Ecken der Welt brachten. Dies sind bei weitem keine alltäglichen Reisebeschreibungen, sondern Momentaufnahmen, in ihrer Beobachtungsgabe beeindruckende "Miniaturen", mit Blick auf die dem Reisenden begegneten Menschen oder zufällig mitgelebten Begebenheiten: in Sevilla, auf der Chinesischen Mauer, auf Ios, in Vietnam, Bolivien, Griechenland, Moskau, Wien, auf den Osterinseln, in Amerika, Mexiko, der Türkei, am Nordpol etc. Ich erspare es dem Leser, die siebzig Orte dieser Erzählungen sinnlos aneinanderzureihen ...  😏

Der Leser wird in diesem Buch mehr als reich belohnt mit den vielen Menschen, die dem Autor ihre Geschichten und manchmal auch die Geschichte ihrer Heimat erzählen. Ransmayr hat dabei immer den Blick auf die Einzelheit, die besondere Begebenheit, die er in ein Ganzes einzufügen weiß. So erhält man als Leser das überwältigende Gefühl, diesen Orten, die wir selbst wohl nie werden besuchen können, am Ende doch etwas näher gekommen zu sein ... Dies gelingt wohl nur wenigen Autoren!

Ich gebe zu, oft innegehalten zu haben, gar die eine oder andere der siebzig Geschichten noch einmal gelesen zu haben. Nicht unbedingt nur die Geschichten von den allzu wenigen Orten, die ich selbst kenne, nein, auch jene über mir unbekannte Orte, die mich nichtsdestotrotz aufgrund von Ransmayrs wundervollen Sprache, Einfühlungsvermögen und beobachtender Genauigkeit zum nochmaligen Lesen geradezu aufforderten. So taucht der Leser in einen "allumfassenden Mikrokosmos" ein - wobei ich mir des hier gebrauchten Oxymorons durchaus bewusst bin ...
Und gerade als ich über dieses Oxymoron nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass gerade darin vielleicht der Charme und die Genialität dieses Buches liegen: Wir lesen Geschichten, die sich in allen erdenklichen Teilen der Erde abgespielt haben, und stellen fest, wenn wir das Buch schließen, dass sie alle doch nur exemplarisch für unser Leben auf dieser Welt stehen. Eine andere, eine vielfältigere und interessantere bekommen wir nicht - sie ist alles, was wir in diesem einen unserem Leben haben können. Mehr als genug wie mir scheint ...

Ein schönes Interview mit Christoph Ransmayr aus dem Jahre 2006, in dem er über das Reisen und seine Reisen spricht - lange noch bevor er dieses Buch hier geschrieben hat -, findet Ihr hier .

Samstag, 22. Juli 2017

Listen ....

GEDANKEN ZUM WOCHENENDE:
Die letzten Wochen waren ein einziges Hamsterrad. Arbeit ohne Ende und ohne nennenswerten Gewinn. Stundenlohn? Kein Kommentar. Gewinn? Kein Kommentar. Einfach nur Überleben in einer  wirtschaftlichen Krise und nicht der Rede wert ...
Und doch berührt mich nicht nur mein eigenes Dasein. Ich denke an all die verqueren Dinge, die mehr oder weniger unbemerkt um uns herum ihren Lauf nehmen (die Reihenfolge dieser Liste ist rein zufällig und keiner Relevanz geschuldet):

-         In der Türkei wird allen Ernstes über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachgedacht.

-         In Deutschland erfreuen sich Merkel & Co nach den Hamburger Ereignissen stetig steigender Beliebtheit – die Wahlen im September sind  nur noch Makulatur.

-          In Polen wird das Rechtssystem „demokratisch“ ausgehebelt.

-         Bayern erweitert den Gewahrsam von „Gefährdern“ von zwei Wochen auf drei Monate , was aber de facto auf unbestimmte Zeit hinaus erweitert werden kann.

-         Österreich rüstet am Brenner auf zur Abwehr von Flüchtlingen - und Bayern hat tatkräftige Unterstützung bekundet.

-         Griechenland versinkt trotz der letztens bewilligten „Hilfe“ unaufhaltsam im wirtschaftlichen Chaos.
-        
 Die flüchtenden Menschen aus Afrika und aus anderen Ländern haben keine Chance und werden weiter im Mittelmeer ertrinken. Mitteleuropa geht das – mit Verlaub – am Arsch vorbei.

-         Das Recht des Menschen auf Wasser wird ausgehebelt – mit tatkräftiger Unterstützung der Schreibtischtäter der EU und der westlichen Regierungen – allen voran die deutsche Bundesregierung.

-          In Griechenland wird eine angebliche Sympathisantin von Terroristengruppen mit äußerst fragwürdigen und dünnen Beweisen zu langjähriger Haft verurteilt – unter einer sogenannten linken Regierung.

-          In Kos und an der türkischen Küste gab es ein Erdbeben von 6.4 Richter mit 2 Toten und zahlreichen Verletzten. Den ostägäischen Inseln bleibt auch nichts erspart ….


Dies waren nur einige Beispiele dafür, wie es um uns herum so zugeht. Habe ich etwas vergessen? Mit Sicherheit!  Und so kommt mir ganz nebenbei beim Schreiben dieser unendlichen Liste unserer Absurditäten Umberto Eco in den Sinn, der in einem seiner letzten Bücher Folgendes schrieb und dem ich nicht so ganz zustimmen kann, zumindest, was das „Begreifen des Unbegreiflichen“ in meiner Liste anbelangt:


Dienstag, 18. Juli 2017

Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß. - Goethe

Seit über 20 Jahren bin ich eine Fremde in der Fremde.  Eigentlich wollte ich nie nach Griechenland. Italien war von den ersten Studientagen an erklärtes Lebensziel.  Daß es dann anders gekommen ist, ist – wie vieles in unserem Leben - dem Zufall zuzuschreiben.
Ich schicke also voraus, daß  ich in Wahrheit nicht zu den unzähligen Deutschen gehöre, die quasi mit wehenden Fahnen nach Griechenland gekommen sind, um Sonne, Strand und Meer zu genießen. Es war eher ein verhaltenes Gefühl von Neugierde gepaart mit einer gehörigen Prise Fatalismus 😉 .

Und so lebe ich nun seit über 20 Jahren in einem Land, in das ich nicht unbedingt wollte - zumindest stand es nicht auf der Wunschliste des Lebens. Aber ehe man sich versieht, vergehen die Jahre, der Lebensraum wird zur allzu geliebten Gewohnheit und man richtet sich ein. 

Heute kann ich sagen, dass mir Deutschland immer weniger fehlt. Neulich sagte mir eine Freundin, da ich nicht mehr regelmäßig in Deutschland wäre, wäre mir auch das Bedürfnis nach meiner Heimat abhanden gekommen. Eine seltsame Überlegung, wäre doch die logische Reaktion auf diesen "Entzug" ein immer stärker werdender Wunsch nach der Heimat. Aber die Eltern sind tot, meine Freunde von früher sind in alle Winde der Welt verstreut. Es ist im Laufe der Jahre ruhig geworden um mich, um sie und damit auch um unsere gemeinsame Heimat und Vergangenheit …

So wird man als Seelenwanderer zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen und Mentalitäten mit zunehmendem Alter mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Und oft stelle ich mir selbst die Frage, warum zieht es mich nicht mehr so in meine Heimat wie früher als z.B. die Eltern noch lebten?  Sicherlich ist mit ihnen das wichtigste Verbindungsglied verschwunden. Aber darüberhinaus liegt es auch an mir selbst. Die langen Jahre fern von der Heimat haben ihre Spuren hinterlassen, haben mich verändert und haben mich in dem Lebensraum verankert, den mir der Zufall zugedacht hat. Und das ist richtig und gut so. 

Was mich in der ersten Zeit hier am meisten störte, war dieses Leben zwischen den Stühlen, dieses Leben quasi im Zwischenraum. Ich stellte schnell fest, dass es nicht ehrlich ist, nicht wirklich lebbar ist – jedenfalls nicht für mich. Ich konnte mit meiner Heimat als ewiger "Hintertür" nicht aufrichtig in einem Land leben, das sich in so vielem von unserem Leben in Deutschland unterscheidet.  Meine Arbeit brachte es mit sich, dass ich von Anfang an fast ausschließlich zu Griechen Kontakt bekam. Kontakte zu netten Landsleuten kamen eher zufällig zustande, da ich mich ganz bewußt nicht ausdrücklich darum bemühte. Ich spürte instinktiv, daß ich nicht inmitten einer deutschtümelnd geistigen Enklave in einem fremden Land leben kann.

Dennoch spüre ich nach all diesen Jahren einen für mich entscheidenden Zwischenraum, dem auch ich nicht entkomme: Wenn ich überhaupt noch ein „Fremdeln“ empfinde, dann nur in der Sprache.  Meine Muttersprache ist mein ureigenstes Ausdrucksmittel, die fremde Sprache bleibt letztendlich immer fremd, obwohl ich mich zugegebenermaßen recht gut in ihr eingerichtet habe. Aber niemals werde ich in der Lage sein, mich in der fremden Sprache exakt so auszudrücken wie in meiner eigenen. Niemals werde ich das ständige Suchen nach dem richtigen Ausdruck überwinden können. Die fremde Sprache wird in meinem Sprachverständis immer nur eine ungefähre bleiben, die mir in so manchem interessanten Gespräch eine tiefer gehende Mitteilung verwehrt. Aber dies ist für mich persönlich der einzige Wermutstropfen meines Lebens hier, den ich mir mit Lesen und Literatur jedoch einigermaßen versüßen kann ... 😉


Abgesehen jedoch von meiner Sprache, kann ich kein Leben im Zwischenraum leben. Dabei fällt mir spontan der berühmte Satz Adornos aus seinen Minima Moralia ein: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" - ein vielfältig interpretierbarer Satz natürlich, aber ich kann ihn deshalb auch auf meine Situation beziehen; denn es gibt nicht wenige Landsleute von mir, die hier unbewusst ein falsches Leben führen. Sie saugen die Vorteile auf wie trockene Schwämme und echauffieren sich im selben Atemzug mit übertriebener Hingabe über die Nachteile - die übrigens alle Länder der Welt im Überfluss zu bieten haben. Sie bleiben dabei ganz unbewusst ihrer angeborenen Mentalität verhaftet, deren Nachteile aber seltsamerweise nur selten von ihnen selbst hinterfragt werden. Sie bleiben in Wirklichkeit den Zwischenräumen verhaftet, am Ende sind viele von ihnen weder hier noch dort wirklich zuhause.

So aber macht man sich am Ende "falsch", denn man hat sich in einer Art selbstgewählter Vermeintlichkeit eingerichtet.
Und man verzichtet auf das größte Geschenk, das gerade so ein Leben weitab der Heimat uns machen kann: Uns selbst, unsere Mentalität und unser Land durch den Blick der Anderen besser zu verstehen lernen.






Montag, 17. Juli 2017

Wenn ich wüßte, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten. - Pablo Picasso

Einige Zeit seit meinem Besuch im Museum Zeitgenössischer Kunst in Athen (EMST) und im Benaki-Museum mit der aktuellen documenta-Ausstellung ist vergangen. Die documenta14 in Athen hat nun ihre Pforten geschlossen. Vieles wurde und wird noch über dieses Projekt geschrieben, von griechischer und deutscher Seite. Künstler, Betrachter, Kunstexperten ... sie alle haben ihre Meinung zu diesem "Event" -  und das ist auch gut so.
In all diesem Wust von Meinungen und Einschätzungen bin ich als Betrachter auf mich selbst gestellt, ich kann mich nur auf das konzentrieren, was Kunstbetrachtung für jeden Einzelnen von uns ausmachen sollte. Denn Kunst war und ist für den Betrachter eine weitgehend persönliche Angelegenheit. Vor allem in der zeitgenössischen Kunst beginnen wir oft mit der Frage "Und DAS soll jetzt Kunst sein!?", nur um dann manchmal trotzalledem festzustellen, daß uns dieses Kunstwerk "irgendwie" anspricht, auch wenn wir es nicht verstehen oder einordnen können.
Und ich frage mich: Was ist so schlimm daran? Gibt es denn heute so etwas wie einen allgemeingültigen Kunstkanon? Sind nicht auch die künstlerischen Medien im Laufe des vergangenen Jahrhunderts so vielfältig geworden, daß man sie kaum mehr in einen allumfassenden Kanon vereinen können?

Jede Kunst muss der absolut subjektiven Rezeption und Wertung ausgesetzt bleiben. Nicht umsonst haben sich die heutige Kunstbetrachtung und -Theorie den Betrachter als Ausgangspunkt auserkoren oder wie es Wolfgang Kemp in seinem wunderbaren Buch "Der Betrachter ist im Bild" ausdrückt:

Das Sujet der Werke ist das Subjekt, 
ist die Formung unserer Identität über Prozesse der Wahrnehmung und Identifikation. 

Die Rolle des Betrachters ist übrigens seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr thematisiert worden - sozusagen auf die Spitze getrieben dann von Marina Abramovic mit ihrer Performance "The artist is present" im New Yorker MoMa im Jahre 2010 (theartistispresent), wo Künstler und Betrachter selbst Gegenstand der Kunst wurden.

Sprechen wir über Kunst, bleibt am Ende nur ein Gedanke: Kunst, egal welcher Epoche, soll vor allem berühren, ansonsten hat sie keinen Sinn. Zuerst ist bei Jedem nur ein Gefühl da - und es ist absolut subjektiv und eben deshalb auch nicht diskutierbar (nichts Unfruchtbareres als eine "gepflegte" Diskussion über Kunst unter Freunden 😊😊😊).

Diskutierbar wird Kunst wohl erst auf wissenschaftlicher Ebene - was uns als unbedarfte Betrachter aber zunächst einmal nicht zu interessieren hat. Nicht jedes Kunstwerk muss Jedem von uns etwas "sagen". Und ist dies nicht das Schöne an der Kunst: Sie kann in ihrer unendlichen Vielfalt viele Menschen ansprechen und ebenso viele nicht. Und dies verbindet die bildenden Künste auch mit der Literatur. Man kann Bücher diskutieren, man kann Texte unendlich analysieren,  aber man kann kein Buch lieben, nur weil es laut literarischem Kanon "bedeutend" ist (siehe z.B. die endlose Diskussion in literarischen Zirkeln über Joyce und seinen Ulysses 😉 ).

Man muss also unterscheiden zwischen der individuellen Rezeption von Kunstwerken und der wissenschaftlichen Betrachtung. Man sollte als Betrachter deshalb auch den Mut zur sogenannten "Lücke" haben. So wie man sich ein Buch aussucht, trifft man auch in einem Museum seine ganz persönliche Auswahl... was kann es Schöneres geben!?

Und beim Nachdenken über den Sinn und Unsinn von Kunst oder auch Literatur erscheint mir doch die Musik als bestes Beispiel für die richtige Kunstbetrachtung: Wer würde sich beim Anhören eines Musikstückes die Frage stellen, ob es dem allgemeingültigen "Kanon" oder auch nur Geschmack entspricht?

Und so wie ich mit Picasso begonnen habe, möchte ich auch diese heutigen Gedanken mit ihm schließen:

Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, 
die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man 
die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus 
verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, 
denken die Leute, sie müssen es "verstehen" . 




P.S.  Ein überaus spannender Ansatz zur allgemeinen
Kunstbetrachtung und Kunstinterpretation ist Susan Sontags Aufsatz: "Gegen Interpretation" aus dem Jahre 1965 (erschienen u.a. in der Essaysammlung "Kunst und Antikunst, München 1980)





Sonntag, 11. Juni 2017


Zwei Texte fielen mir diese Woche auf Facebook auf, die ich hier mit Euch teilen will , nein... muss!

Der erste ist ein Brief von Albert Einstein an seine Tochter, der zweite die letzten überlieferten schriftlichen Gedanken von Gabriel Maria Marquez.
Beide Texte sind lesenswert und berührend. Beide Texte unterscheiden sich in ihrer Stellung zu Gott. Marquez ist einer gläubigen -wenn auch kritischen - Gottesvorstellung verhaftet, Einstein verneint dies - natürlich - rigoros.
Bildunterschrift hinzufügen

Anrührend sind beide Texte, egal, wie man persönlich zu diesem unserem ominösen "Gott" stehen mag:

Als ich die Relativitätstheorie vorschlug, verstanden mich nur sehr wenige und was ich Dir jetzt zeigen werde, um es der Menschheit zu übertragen, wird auch auf Missverständnisse und Vorurteile in der Welt stoßen. Ich bitte Dich dennoch, dass Du es die ganze Zeit, die notwendig ist, beschützt –Jahre, Jahrzehnte, bis die Gesellschaft fortgeschritten genug ist, um das was ich Dir als Nächstes erklären werde, zu akzeptieren.
Es gibt eine extrem starke Kraft, für die die Wissenschaft bisher noch keine formelle Erklärung gefunden hat. Es ist eine Kraft, die alle anderen beinhaltet und regelt und die sogar hinter jedem Phänomen ist, das im Universum tätig ist und noch nicht von uns identifiziert wurde. Diese universelle Kraft ist LIEBE.Wenn die Wissenschaftler nach einer einheitlichen Theorie des Universums suchten, vergaßen sie die unsichtbare und mächtigste aller Kräfte.Liebe ist Licht, da sie denjenigen, der sie gibt und empfängt, beleuchtet. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute dazu bringt, sich zu anderen hingezogen zu fühlen. Liebe ist Macht, weil sie das Beste was wir haben, vermehrt und nicht zulässt, dass die Menschheit durch ihren blinden Egoismus ausgelöscht wird. Liebe zeigt und offenbart. Durch die Liebe lebt und stirbt man. Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.Diese Kraft erklärt alles und gibt dem Leben einen Sinn in Großbuchstaben.Dies ist die Variable, die wir zu lange ignoriert haben, vielleicht, weil wir vor der Liebe Angst haben, weil es die einzige Macht im Universum ist, die der Mensch nicht gelernt hat, nach seinem Willen zu steuern.Um die Liebe sichtbar zu machen, habe ich einen einfachen Austausch in meiner berühmtesten Gleichung gemacht. Wenn wir anstelle von E = mc² zu akzeptieren, die Energie akzeptieren, um die Welt durch Liebe zu heilen, kann man durch die Liebe multipliziert mal der Lichtgeschwindigkeit hoch Quadrat zu dem Schluss kommen, dass die Liebe die mächtigste Kraft ist, die es gibt, weil sie keine Grenzen hat.Nach dem Scheitern der Menschheit in der Nutzung und Kontrolle der anderen Kräfte des Universums, die sich gegen uns gewendet haben, ist es unerlässlich, dass wir uns von einer anderen Art von Energie ernähren.Wenn wir wollen, dass unsere Art überleben soll, wenn wir einen Sinn im Leben finden wollen, wenn wir die Welt und alle fühlenden Wesen, die sie bewohnen, retten wollen, ist die Liebe die einzige und die letzte Antwort.Vielleicht sind wir noch nicht bereit, eine Bombe der Liebe zu machen, ein Artefakt, das mächtig genug ist, den gesamten Hass, Selbstsucht und Gier, die den Planeten plagen, zu zerstören. Allerdings trägt jeder Einzelne in sich einen kleinen, aber leistungsstarken Generator der Liebe, deren Energie darauf wartet, befreit zu werden.Wenn wir lernen, liebe Lieserl, diese universelle Energie zu geben und zu empfangen, werden wir herausfinden, dass die Liebe alles überwindet, alles transzendiert und alles kann, denn die Liebe ist die Quintessenz des Lebens.Ich bedauere zutiefst, nicht in der Lage gewesen zu sein, um das auszudrücken, was mein Herz enthält, das leise mein ganzes Leben für Dich geschlagen hat.Vielleicht ist es zu spät, mich zu entschuldigen, aber da die Zeit relativ ist, muss ich Dir sagen, dass ich Dich liebe und dass ich, dank Dir, bis zur letzten Antwort gekommen bin.Dein Vater,
Albert Einstein






Wenn für einen Augenblick Gott vergessen würde, dass ich eine Stoffmarionette bin und er mir noch einen Fetzen Leben schenken würde: die Zeit würde ich intensiver ausnutzen. Sehr wahrscheinlich würde ich nicht alles sagen was ich denke, aber ich würde überlegen, was ich sage. Ich würde die Dinge bewerten, nicht dafür, was sie Wert sind, sondern dafür,
was sie bedeuten. Ich würde weniger schlafen, ich würde mehr träumen, denn für jede Minute in der wir die Augen schließen, verlieren wir sechzig Sekunden Licht. Ich würde gehen wenn andere stehen bleiben und aufwachen wenn andere schlafen.
Wenn Gott mir einen Fetzen Leben schenken würde, einfach würde ich mich kleiden und mich in die Sonne stürzen und nicht nur meinen Körper sondern meine Seele öffnen. Den Menschen würde ich beweisen, wie sie sich irren wenn sie denken, dass sie sich nicht mehr verlieben könnten wenn sie alt werden, ohne zu wissen, dass sie alt geworden sind, weil sie sich nicht mehr verliebt haben.
Einem Kind würde ich Flügel schenken, aber ich würde ihm allein das Fliegenlernen überlassen. Den Alten würde ich lehren, dass der Tod nicht mit dem Altwerden kommt, sondern mit dem Vergessenwerden.
So viele Dinge habe ich von ihnen, den Menschen gelernt. Ich habe gelernt, dass die ganze Welt auf dem Gipfel des Berges zu leben bestrebt ist, ohne zu wissen, dass das wahre Glück daran liegt, wie man den Berg besteigt. Ich habe gelernt, dass, wenn ein Neugeborenes mit der Faust zum ersten Mal den Daumen des Vaters drückt, ihn für immer gefesselt hat.
Ich habe gelernt, dass ein Mensch nur das Recht hat auf einen anderen Mensch hinab zu blicken, wenn er ihm beim Aufstehen hilft. Es sind so viele Dinge, die ich von Ihnen gelernt habe, aber das Gelernte wird mir nicht viel nützen, wenn ich in dem Koffer aufbewahrt werde - unglücklicherweise liege ich im Sterben. Sag immer was du fühlst und mach was du denkst.
Wenn ich wüsste, dass heute das letzte Mal wäre, dass ich dich schlafen sehe, würde ich dich fest umarmen und Gott bitten der Schutzengel deiner Seele sein zu dürfen. Wenn ich wüsste, dass dies die letzten Minuten sind, in denen ich dich sehe, würde ich sagen: »Ich liebe dich« und ich würde es nicht für selbstverständlich hinnehmen, dass du es schon weißt.
Es gibt immer einen Morgen und das Leben gibt uns immer eine andere Chance, die Dinge gut zu machen. Aber was ist wenn ich mich irre und das Heute ist alles was uns übrig bleibt? Dann würde ich gerne sagen, wie sehr ich dich liebe und dass ich dich nicht vergessen werde.
Der Morgen ist niemandem versichert worden, jung oder alt. Heute kann es das letzte Mal sein, dass Du diejenigen siehst, die du liebst. Deshalb warte nicht, mach es jetzt, denn wenn der Morgen nie kommt, wirst du den Tag bereuen, als du keine Zeit hattest für ein Lächeln, eine Umarmung, einen Kuss, oder einen Wunsch zu erfüllen, weil du so beschäftigt warst.
Suche die Nähe deiner geliebten Menschen, flüstere ihnen zu wie sehr du sie brauchst, liebe sie und behandele sie gut. Nimm dir Zeit um ihnen zu sagen: »Tut mir Leid«, »Bitte«, »Danke« und alle Liebeswörter, die du kennst. Niemand wird sich für deine geheimen Gedanken an dich erinnern; bitte Gott, dass er dir Kraft und Weisheit gibt, sie auszudrücken. Sage deinen Freunden und geliebten Menschen, wie wichtig sie für dich sind. 
(Abschiedsbrief von Gabriel Garcia Marquez)

Sonntag, 28. Mai 2017

Umräume ...

Innerhalb weniger Tage habe ich nun zwei Museen besucht, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das Museum der zeitgenössischen Kunst EMST und erst gestern das Benaki-Museum. Hier die kühlen, farblosen Räume des EMST und dort die neoklassizistisch-üppigen, teils farbig gestalteten Räume des Benaki-Museums ...
Dieser Kontrast brachte mich wieder zurück auf meine Gedanken über Ausstellungsräume, so wie ich dies zur documenta vor ein paar Tagen schon kurz erwähnte; das modern übliche Ausstellungskonzept ist der Idee des "White Cube" geschuldet, das im krassen Gegensatz steht zum oftmals farbigen, individueller ausgerichteten älteren Museumsraum.




Und gestern erinnerte ich mich endlich,  wo ich den diesbezüglich interessanten Aufsatz von Brian O'Doherty gelesen hatte, der sich mit den Ausstellungsräumen unserer Zeit auseinandersetzt und den ich zum Thema noch in Auszügen nachtragen möchte:


"Die Geschichte der Moderne ist mit diesem Raum aufs Engste verknüpft. Das heißt, die Geschichte der modernen Kunst kann mit Veränderungen dieses Raumes und der Art und Weise, wie wir ihn wahrnehmen, in Wechselbeziehung treten. Wir sind nun an dem Punkt angelangt, an dem wir nicht zuerst die Kunst betrachten, sondern den Raum. (Es ist üblich geworden, daß man sich zunächst einmal über den Raum äußert, wenn man eine Galerie betritt.) Das Bild eines weißen, idealen Raumes entsteht, das mehr als jedes einzelne Gemälde als das archetypische Bild der Kunst des 20. Jahrhunderts gelten darf. (...) Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, daß es "Kunst" ist, stören könnten. Sie schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt. Dies verleiht dem Raum eine gesteigerte Präsenz, wie sie auch andere Räume besitzen, in denen ein geschlossenes Wertsystem durch Wiederholung am Leben erhalten wird. Etwas von der Heiligkeit der Kirche, etwas von der Gemessenheit des Gerichtssaales, etwas vom Geheimnis des Forschungslabors verbindet sich mit schickem Design zu einem einzigartigen Kultraum der 
Ästhetik. (...) Ja, eine Galerie wird nach Gesetzen errichtet, die so streng sind wie diejenigen die für eine mittelalterliche Kirche galten. Die äußere Welt darf nicht hereingelassen werden, deswegen werden Fenster normalerweise verdunkelt Die Wände sind weiß getüncht. Die Decke wird zur Lichtquelle. Der Fußboden bleibt entweder blankes Holz, so daß man jeden Schritt hört, oder aber er wird mit Teppichboden belegt, so daß man geräuschlos einhergeht und die Füße Ruhe haben, während die Augen an der Wand heften. Die hat hier die Freiheit, wie man so sagt, "ihr eigenes Leben zu leben". Ein diskretes Pult bleibt das einzige Möbel. In dieser Umgebung wird ein hoher Aschenbecher fast zu einem sakralen Gegenstand, ebenso wie der Feuerlöscher in einem modernen Museum einfach nicht mehr wie ein Feuerlöscher aussieht, sondern wie ein ästhetisches Scherzrätsel. Hier erreicht die Moderne die endgültige Umwandlung der Alltagswahrnehmung zu einer Wahrnehmung rein formaler Werte. Das ist gewiß eine ihrer fatalsten Krankheiten.
Schattenlos, weiß, clean und künstlich - dieser Raum ist ganz der Technologie des Ästhetischen gewidmet. (...) Hier existiert Kunst in einer Art Ewigkeitsauslage, und obwohl es viele Perioden und Stile gibt, gibt es keine Zeit. Dieses Aufgehobensein in Ewigkeit verleiht der Galerie den Charakter einer Vorhölle: Man muß schon einmal gestorben sein, um dort sein zu können. In  der Tat wirkt die Anwesenheit des seltsamsten Möbelstückes in diesem Raum, des eigenen Körpers, überflüssig und aufdringlich ..." 


Wolfgang Kemp, der Herausgeber des Buches, bemerkte in seiner Einleitung zusammenfassend:

" O'Doherty verweist uns auf die (...) vernachlässigte Bedeutung auch der von der Institution Kunst selbst geschaffenen Umräume für die Kunstproduktion und - rezeption. Schon die wenigen Bemerkungen des Autors zu älteren Präsentationsweisen und seine witzige, z.T. satirische Analyse des Galerie-Raums lassen erkennen, daß von einer wirklichen Neutralität und sachbezogenen Dienlichkeit dieser Rahmenbedingungen nicht die Rede sein kann."

(Brian O'Doherty, Die weiße Zelle und ihre Vorgänger, in: W. Kemp, Der Betrachter ist im Bild. Hamburg 1992, S. 335 ff.)

Und so bleibt es natürlich uns, dem Betrachter, überlassen, wie wir Kunst wahrnehmen, inwieweit Umräume uns beeinflussen; und nicht zuletzt bleibt die Erkenntnis, dass selbst weiße Räume eben auch nicht "neutral" sind ... 😉

Samstag, 20. Mai 2017

Mit dem Beginn des verdienten Wochenendes war mal wieder etwas "Kultur" angesagt ...
Am späten Vormittag machte ich mich auf zu einer kostenlosen Führung durch die sogenannte "Athener Trilogie" - Nationalbibliothek, Universität und Akademie.
Lebt man in Athen, läuft man so oft an diesen zentralen Bauten in der Odos Panepistimiou vorbei, meistens kennt man sie aber nur von außen. Allein den Lesesaal der Nationalbibliothek habe ich schon einmal vor ein paar Jahren besucht, als ich auf der Suche nach einem bestimmten Buch war für einen Aufsatz. Deshalb war diese Führung für mich mehr als interessant, gerade weil ich tatsächlich zu wenig über das "Innenleben" dieser klassizistischen Bauten weiß. Sie alle entstanden zur Zeit König Ottos, unter der Federführung der Architekten Theofil von Hansen und Ernst Ziller - wobei die handwerkliche Ausführung (auch der Malereien und Skulpturen) allein griechischen Künstlern vorbehalten war.

Die Führung dauerte anstatt der angekündigten eineinhalb Stunden fast geschlagene drei Stunden, ein wirklich toller Kunstgeschichtsprofessor der Athener Universität und drei seiner Doktoranden boten mit ihren ausführlichen Vorträgen und Erklärungen höchstinterssante Einblicke in die Geschichte und die künstlerische Bedeutung dieser drei Bauwerke. So vieles wurde erzählt, so vieles erklärt, so viele Fragen - von auch sehr kundigen Besuchern - geduldig und kenntnisreich beantwortet. Und ein Glücksfall, wenn die hochbetagte Enkelin eines der herausragenden Bildhauer, der an diesen Bauwerken mitarbeitete, mit herrlichen Anekdoten aus dem Leben des Großvaters diese Führung bereichert. Viel zu viel, um dies auch nur in Ansätzen hier zusammenfassen zu können.


Da dieser Blog vor allem auch um Bücher geht, möchte ich hier deshalb nur kurz in paar Bildern die wunderschöne Athener Nationalbibliothek vorstellen:


Die imposante Aufgangstreppe - ein kleines witziges Detail befindet
sich am oberen Ende der Treppe: Eine in Stein gemeißelte kleine Echse,
die man leicht übersieht. Sie gehört zur Detailversessenheit von Ernst Ziller,
der solche kleinen "Dekorationen" liebte ...

Und gleich in der Einganghalle sind sie: die guten alten hölzernen
Karteikästen, so wie ich sie auch noch aus meinen Studienzeiten in
der Münchner Staatsbibliothek und den Universitätsbibliotheken kenne ...

Der Katalog der fremdsprachlichen Autoren ... welche Schätze
mögen sich darin verbergen!? 

Der Eingang zum Lesesaal
Das riesige Glasdach läßt Tageslicht einfallen,
die ionischen Säulen - ganz in klassizistischer Manier -
geben dem Raum seine Kontur. 

Hinter den Säulen die "unendlichen" 
Bücherschätze - und ein Besucher, der
die Szenerie auf sich einwirken läßt ...

Ein Kuriosum für mich: Gleich im ersten Regal rechter
Hand befindet sich die Brockhaus-Enzyklopädie! 

Auf den wunderbaren alten, "verbrauchten" Holztischen
mit ihren grünen Leselampen liegt so mancher alter Schatz ...

Wer mag darin zur Zeit wohl forschen?

Und hier noch ein kleines Detail: 

Ernst Ziller war - wie oben schon bemerkt bei der Eingangstreppe mit der kleinen Echse - ein detailverliebter Künstler und Architekt. So befinden sich an allen Bücherregalen seltsame hölzerne Bretter und eiserne Streben mit Handgriffen. Man beachtet dies fast nicht. Was hat es nun damit auf sich? Dies sind hölzerne Stufen und eiserne Handgriffe, die es dem Besucher erleichtern, Bücher aus den höheren Regalen bequem zu entnehmen. Tja, auf solche "Tricks" kamen die "alten" Architekten! Die Führerin zitierte mit verschmitztem Lächeln die Worte der stellvertretenden Bibliotheksleiterin: "So etwas finden Sie nicht einmal in der neuen, hypermodernen Bibliothek im Stavros-Niarchos-Kulturzentrum!" 😏

Nachtrag: Erst vor kurzem wurde hier in Athen das Stavros Niarchos-Kulturzentrum eingeweiht. Dorthin wird nun auch die Nationalbibliothek verlegt werden. Eine Mitarbeiterin der Nationalbibliothek informierte uns, daß deswegen die "alte" Nationalbibliothek keineswegs ausgedient hätte, denn selbst in der riesigen neuen Bibliothek fänden nicht alle Schätze der Nationalbibliothek Platz. 
Gott sei Dank, kann man da nur sagen! Weiterhin steht der Lesesaal der Nationalbibliothek allen Besuchern von 8-15 Uhr offen. Es wäre ja auch geradezu sträflich, wenn so ein schönes Gebäude und dieser wunderbare alte Lesesaal nicht mehr genutzt würden!

Sonntag, 14. Mai 2017

Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können. - Christoph Schlingensief

Das Problem aller zeitgenössischen Kunst: Was hat es nicht schon einmal gegeben, was fällt wirklich aus dem Rahmen der modernen und postmodernen Kunst des 20. Jahrhunderts heraus? Die Kunst bietet ja keine neue Medien: Malerei, Skulptur, Performance, Land Art, Installation, Video, Photographie und all die daraus resultierenden hybriden Formen. Was bleibt dem zeitgenössischen Künstler also, um innerhalb dieser Medien etwas Neues zu kreieren? Oder ist die zeitgenössische Kunst gefangen in unumgänglichen Rückgriffen auf Moderne und Postmoderne? Wie gehen zeitgenössische Künstler mit den bedeutenden Umwälzungen dieser beiden Kunstepochen um? Wie können sie sie weiterentfalten?
Mit diesen Fragen betrat ich heute die documenta-Ausstellung im neuen Athener Museum für zeitgenössische Kunst, EMST. Der Umbau der ehemaligen Fix-Bierfabrik ist beeindruckend gelungen: Klare Formen, hohe, lichterfüllte Räume. Wie in vielen modernen Museen hat man sich auch im EMST für weiße Wände (und den obligatorischen blassen Laminatfußboden) entschieden und folgt damit dem bereits aus dem frühen 20.Jahrhundert stammenden Konzept des "White Cube" - ein Ausstellungskonzept, das bewusst die umgebende Architektur vor dem Kunstwerk in den Hintergrund treten lassen sollte. Mittlerweile hat dieses puristische Konzept aber auch Gegner gefunden, die nicht zu Unrecht bemängeln, man "neutralisiere" damit die Kunst und reiße sie aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld ...

Wie ich immer wieder feststelle, tue ich mich persönlich mit der zeitgenössischen Kunst um einiges schwerer als mit der modernen und postmodernen des vergangenen Jahrhunderts. Dies mag sicherlich auch damit zu tun haben, dass ich mich nur marginal mit zeitgenössischer Kunst beschäftige, wohingegen mir das 20. Jahrhundert mit seinen so innovativen und herausragenden künstlerischen Ideen immer wieder aufs Neue interessant erscheint. Nun ja, mit soviel "Nichtwissen" beglückt, kann man so eine zeitgenössische Ausstellung immerhin recht vorurteilslos aufsuchen und einfach erstmal nur "schauen" ...
Verteilt auf drei Stockwerke bietet sich dem Besucher eine recht vorhersehbare Kunstsammlung: Malerei (leider wenig), Photographie, Installation, Skulptur, Video und Klang ... Themenbereiche waren nur punktuell auszumachen, ein ausstellerisches Gesamtkonzept, das an das Motto dieser documenta ("Learning from Athens") anknüpft,  hat sich mir nur in manchen Einzelwerken, aber nicht übergreifend erschlossen, aber vielleicht habe ich es einfach auch nicht verstanden . 😏 Dazu ist zu bemerken, dass man sich als Besucher aufgrund der sehr dürftigen Beschriftungen der einzelnen Objekte relativ verloren vorkommt; vom museumspädagogischen Standpunkt aus kann die Ausstellung leider so gar nicht überzeugen und so manches hätte besser gemacht werden können (z.B. auf Cavaletti präsentierte Bilder, wobei aber eines das andere halb verdeckt und man den Besucher damit zwingt, sich um diese Cavaletti herum einen Weg zu bahnen und gleichzeitig zur Folge hat, daß man viel zu nah vor den Gemälden stehen muss und ihre Wirkung aus entsprechender Ferne nicht beurteilen kann, was bei Gemälden unbedingt gegeben sein muss; bei manchen Objekten musste man die Beschreibungen und dürftigen Künstlerinformationen krampfhaft suchen - sie waren -wohl als sehr innovativ gemeint - meist am Boden aufgeklebt, aber darüber hinaus nicht immer leicht zu finden oder dem richtigen Objekt zuzuordnen... ).

Nichtsdestotrotz haben mich einige Kunstwerke sehr beeindruckt.

Die wohl auffallendste Installation ist die viele Meter hohe "Quipu Womb" der chilenischen Dichterin und multidisziplinären Künstlerin Cecilia Vicuna (geb. 1948), die nicht zu Unrecht in den Medien vielfach gewürdigt wurde:





















Ebenso erstaunlich die zu einer 11 Meter breiten Wandmalerei zusammengefügten Gemälde des Inders K.G. Subramanyan (1924-2016), der sich als ehemaliger Ghandi-Aktivist ein Leben lang mit der Trennung der Menschen durch Kultur, Sprache oder Religion künstlerisch auseinandersetzte:


Eine sehenswerte Installation ist auch eine Zusammenstellung von Werken verschiedener Künstler, dem antiken Schönheitsideal und der Herstellung (und endlosen Reproduktion bis hin zum Kitsch) von antiken Statuen gewidmet. Eine Plastik-Gießform für eine riesige Poseidon-Statue als Blickfang dieser Installation, die dann aber bei genauerem Hinsehen vor allem in ihren Photocollagen Interessantes zu bieten hat - Rassentheorien und Hitler inbegriffen (auf ihn werde ich später nochmal zurückkommen).


Wirklich bewegt haben mich aber vor allem drei Künstler, die ich Euch kurz vorstellen will:

Da ist zunächst die israelische Künstlerin Yael Davids, die mit ihrer Hommage an die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler auf dieser documenta vertreten ist: Neben Texten über Lasker-Schüler, die teilweise ausgeschnitten und in Collagen wieder zusammengefügt sind, beeindruckt ein unauffälliges, simples weißes DIN A-4 Blatt mit dem Gedicht "Dem Barbaren" aus dem Jahre 1911 (hier die Originalfassung  ) - aufgestickt mit dem Haar von Yael Davids ...



Ähnlich arbeitete auch die sardische Künstlerin Maria Lai (1919-2013) mit Papier und - diesmal echten - Fäden, mit denen sie ihre Papierbögen teilweise maschinell bestickte und zu Collagen zusammenfügte. Beim ausgiebigen Betrachten dieser Werke gesellte sich eine junge Frau zu uns und erzählte uns kurz die Lebens-geschichte der Künstlerin. Und tatsächlich sah man nach diesen Informationen ihre Werke nochmals in einem anderen Licht: Geboren in einem abgelegenen sardischen Dorf, ohne Zugang zu öffentlichen Schulen, konnte sie erst relativ spät das Lesen und Schreiben erlernen. Ein Onkel wollte ihr eines Tages eine Schreibmaschine schenken, was sie aber ablehnte und lieber eine Nähmaschine haben wollte. Danach begann sie erste Experimente, ihre Texte auf Papier zu "nähen". 
Eine andere Collage zeigt die wundervolle kalligraphische Handschrift von Lai, aber auch da wurden die einzelnen Blätter zusammen- oder übernäht. Einige der Papiere sind verkehrt herum aufgenäht  - ein Hinweis, dass man sozusagen immer auch "hinter" das Geschriebene schauen soll oder alles seine zwei Seiten hat?




Ein weiterer ganzer Raum ist dem interessanten österreichischen Künstler Lois Weingerber (geb. 1947) gewidmet. In kleinen, profanen Pappschachteln sind Funde, die er in der Umgebung des heimatlichen Bauernhofes ausgegraben hat, zu seltsam anmutenden Collagen zusammengestellt. Darunter so Profanes wie Steine, Hölzer und Ähnliches, aber auch Babykleidung, verrottete Buchseiten, Tonscherben, Schuhe, Tierkadaver und vieles mehr. Ein Panoptikum menschlichen Daseins und natureller Relikte, auf ganz anrührende Weise dem Vermodern und Vergessen entrissen ...


Neben der ganz oben erwähnten Vicuna waren diese drei Künstler für mich ganz persönlich die beeindruckendsten dieser Ausstellung. Noch einige Einzelkunstwerke wären zu erwähnen, aber das würde diesen Blog hier sprengen. Hinweisen will ich nur noch auf eine Installation, die von mir als Deutsche natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte (und auch von keinem anderen Besucher, denn die großflächigen Hitlerbilder sind nicht zu übersehen):



In deutscher Schrift sind Namen, Geburts- und Todesdaten von Homosexuellen, die unter Hitler in verschiedenen Konzentrationslagern umkamen, auf die Gemälde geschrieben. Damit schloss sich der Kreis zu der oben erwähnten Installation, das antike griechische Schönheitsideal in der Skulpturenkunst betreffend. Man könnte in diesem Rückgriff auf den "Greek Way" gar eine Brücke zu Griechenland geschlagen sehen, so wie es das Motto der documenta und der Ausstellungsort Athen anbieten, bei diesem speziellen Thema hätte ich mir allerdings eine wirklich zeitgenössische Herangehensweise gewünscht, denn das Thema der Verfolgung Homosexueller ist auch im 21. Jahrhundert in vielen Ländern der Welt leider noch brisant genug und sicher ließen sich Künstler finden, die aktuelle Erfahrungen künstlerisch thematisieren.

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, nach welchen Kriterien Künstler für so eine Ausstellung ausgewählt werden. Manches erschien mir tatsächlich nicht des Ausstellens wert, manches hätte thematisch ausgebaut werden können, manches erschien mir erst durch den Vorgang des Ausgestelltwerdens überhaupt zur Kunst erhoben zu werden  - allerdings leider nicht im Sinne von Duchamps Readymades.
So verließen wir das Museum mit so manchem Fragezeichen im Kopf. Das obige Zitat von Schlingensief hat sich nicht so ganz erfüllt 😉 Etwas sehr kühl ist das Ganze dann noch inszeniert: Stellenweise hat man das Gefühl, dass etwas "fehlt", dass mehr Kunst hätte Platz finden können. Man spürt, dass dieses Museum noch nicht "eingelebt" ist und eher einer frisch bezogenen Wohnung gleicht, die ihre "Aura" noch nicht gefunden hat. Aber das wird hoffentlich noch kommen. Und so darf man gespannt sein auf die kommenden Ausstellungen - wenn die documenta vorbei ist.










Dienstag, 2. Mai 2017

Die deutsche Leitkultur ...

Und schon wabert wieder so ein Wort durch die Presse und erschlägt die deutsche Öffentlichkeit, das mich zur Weißglut bringt: Die deutsche „LEITKULTUR“ – erst gestern wieder heraufbeschworen von einer der zahllosen, tragischen politischen Fehlbesetzungen, seines Amtes deutscher Innenminister. 
Zustimmung oder Häme in der Presse, zahllose national-bräunlich-gefärbte Kommentare in den sozialen Medien und so manch ironisch-satirisch gefärbter Beitrag, der noch am ehesten Sinn machte in diesem so sinnfreien Zusammenhang …
Sucht man das Wort im Duden oder in einem Etymologie-Lexikon, wird man gewahr, dass es sich um eine der bekannten politikersprachlichen Neuschöpfungen handelt, die jeglichen Tiefsinns oder gar Bedeutung entbehren. Zerlegt man dann das Wort, stößt es mir sauer auf:
Leit-Kultur! Wovon, bitteschön, soll ich mich kulturell „leiten“ lassen? Und wer bestimmt denn das, wovon ich mich „leiten“ lassen soll? Warum müssen wir Deutsche uns eigentlich immer von irgendetwas „leiten“ respektive "führen" lassen? Können wir nicht selbst denken? Brauchen wir politische Nebelkerzen, die uns so überaus generös vernebelnd erklären, wie unsere Kultur auszusehen hat und woran sich „der“ Ausländer gefälligst zu orientieren hat (und genau hier, verehrter Leser, liegt nämlich der Hund dieses Begriffes begraben!)?
Und wenn wir schon über „die“ deutsche Kultur sprechen wollen, wer wäre denn am ungeeignetsten dafür als unsere Politiker jeglicher Couleur?!
Und noch ein abschließender Gedanke: Haben wir das Ganze nicht schon einmal erlebt vor nicht allzu langer Zeit, als ein Mann und eine Partei sich aufmachten, das deutsche Volk zu „führen“? Nicht umsonst paraphrasiert der Duden das Wort als "führende Kultur"!
Insofern verwundert es nicht, dass dieses Wort von (rechts)konservativen Parteifunktionären erfunden wurde …


Samstag, 29. April 2017

Manchmal ...


Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten. - Roger Willemsen

Es gibt Texte, die hauen einen geradezu um und lassen den Leser irgendwie "erschlagen" zurück - im positiven und negativen Sinne.
So erging es mir heute Mittag nach der Lektüre des posthum erschienenen Büchleins "Wer wir waren" von Roger Willemsen.
Der Text besteht im Wesentlichen aus der letzen öffentlichen Rede des Autors. Sein nächstes Buch hätte daraus werden sollen, geschafft hat er es leider nicht mehr. Die Herausgeber haben Willemsens Notizen zu dieser Rede mit berücksichtigt, und so hält man einen Text in der Hand, bei dem man sich ausmalen kann, welch vorzügliches Buch daraus wohl entstanden wäre ...

Diese "Zukunftsrede" beleuchtet unsere heutige Welt und unser Dasein in ihr vom Blickwinkel einer fernen Zukunft aus. Wir sehen also quasi auf uns selbst zurück. Willemsen hält im Wesentlichen (aber nicht nur) ein Plädoyer gegen die fatale Rasanz unserer Zeit mit all ihren im Grunde absehbaren Folgen:

Unsere Existenzform ist die Rasanz. (...) Alles Großaufnahme, alles äußerste Steigerungsform, und wir dazwischen , die umkämpften Abgekämpften. (...) Wenn es also wahr ist, dass wir atomisiert leben, in kurzen Etappen der Präsenz, getrieben vom Etcetera, in einer impulsiven Kultur, aufgelöst in Zonen der peripheren Wahrnehmung, des dezentralen Blickens, dann wäre es eine Voraussetzung für alle Botschaften von verallgemeinerbarem Gehalt, im Sinne Nietzsches dem Auge die Geduld anzugewöhnen, den Impuls zu korrigieren. Im Zögern unterscheidet sich das Denken von der Arbeit. In der Unschlüssigkeit, der verweilenden, unabgeschlossenen Geste, in der Trägheit sogar tun sich Zustände der Sammlung auf. Dieses nicht effiziente, abirrende, irgendwie ausgesetzte Verhalten zur Welt, eines, dem keine App zu Hilfe eilt, dieses desorientierte, sich selbst überlassene Treiben ist im Kern poetisch, aus der Zeit gefallen und deshalb geeignet, ihre Betrachtung aus der Halbdistanz zu stimulieren. 


Der Text ist anspruchsvoll, manchmal auch sperrig, wiederholtes Lesen einiger Textstellen war - zumindest für mich - unumgänglich. Am Ende schließt man das Büchlein, bleibt atemlos, gedankenverloren und angerührt zurück und weiß, dass man es auf jeden Fall nochmals lesen wird. So viele Gedanken, so viel Bedenkenswertes hat dieser viel zu früh verstorbene Autor und beneidenswerte Denker dem Leser da aufgebürdet.

Willemsen bescheinigt uns in seinem  quasi vorausschauenden Rückblick eine Zeit, in der Mensch, Politik, Umwelt und Gesellschaft in einer desaströsen Abwärtsspirale gefangen sind, "obwohl es diese Zeit geradezu zur moralischen Pflicht erhoben hatte, sich nicht einverstanden zu erklären, Kritik als einen Akt der Besonderung, der Abspaltung, ja der Individuation zu interpretieren." Dass wir zu all dem nicht fähig sind, dass wir Glücksrittern gleich unser Dasein verspielen, ohne an die nachfolgenden Generationen zu denken, lässt den Autor in tiefster Resignation, aber vielleicht auch in aufrüttelnder Anklage zurück:


                                    "Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht,
                                          noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

 (Hier noch die interessante Rezension von Iris Radisch.)

Donnerstag, 27. April 2017

Freunde sucht man nicht, man findet sie ...


Viele "belächeln" ja soziale Netzwerke wie Facebook und stehen auf dem (zuweilen auch etwas hochmütigen) Standpunkt, dass Freundschaften auf Facebook eben nur "sogenannte" Freundschaften seien, weil sie nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hätten.
Dennoch bietet Facebook vielen Menschen heutzutage eine jederzeit zugängliche Kommunikationsmöglichkeit, und nicht selten lernen sich Menschen kennen, die sich sonst niemals im Leben getroffen hätten ...

Auch ich habe bisher einige Freundschaften auf Facebook knüpfen können, für die ich dankbar bin, die mein Leben immens bereichert haben und die ich nicht mehr missen möchte. Den ersten zaghaften virtuellen Kontakten folgten manchmal reale Kontakte, ein wunderbares Zusammenfinden von "verwandten" Gemütern auch in der wirklichen Welt ...

Und so stand ich heute mit offenem Mund vor einem "Facebook-Überraschungspaket": Eine Facebook-Freundin schickte mir aus meiner Heimat ein sage und schreibe 7 kg schweres Paket - angefüllt mit den wundervollsten Büchern! Man stelle sich das mal vor: Eine kleine "Leihbücherei" unterwegs auf dem Postwege von München nach Athen.
Und zusätzlich noch gespickt mit wunderbaren kleinen Geschenken. Weihnachtsgefühle im Frühjahr! Was will man mehr ... Das Leben kann doch schön sein, trotz aller Widrigkeiten.






Und das Schönste an der Geschichte: Wir werden uns in wenigen Tagen endlich auch "im wirklichen Leben" kennenlernen, wenn diese gute Seele nach Griechenland kommt und einen Zwischenstop in Athen einlegt.
Seien wir also dem virtuellen Leben auch mal dankbar, denn es birgt doch die eine oder andere wunderbare Überraschung.





Donnerstag, 13. April 2017

Καλό Πάσχα - Frohe Ostern ...

Was macht nun ein Ungläubiger mit dem anstehenden Osterfest?  Er erkennt einfach, daß es oft nicht mit wirklichem Glauben zu tun hat. Eher mit Tradition, mit Gewohnheit, mit Brauchtum. 
Lebt man noch dazu in Griechenland, kann man sich dem ganzen Oster-Brimborium auch nicht wirklich entziehen.  In der Karwoche wünscht man jedem, mit dem man redet, notgedrungenermaßen ein frohes Osterfest und die floskelhafte  „frohe Auferstehung“.  Die meisten Freunde und Bekannte fahren in ihre Heimatorte,  gehen in der Osternacht in die Kirche und zünden die obligatorischen Osterkerzen an.  Danach trifft man sich zu Hause, bei Verwandten oder Freunden und isst die traditionelle μαγειρίτσα, eine Suppe aus Gemüse und Eingeweiden.  Am Ostersonntag dann feiert man mit dem obligatorischen gegrillten Lamm. Ein schöner Brauch – nicht mehr und nicht weniger in meinen Augen.
Seltsamerweise habe ich nichts gegen diese Traditionen und Bräuche, wenn man sie denn für sich selbst offen und ehrlich als religiöses Relikt und traditionelle Reminiszenz anerkennen würde. Ich wünschte mir, dass nicht alles so heuchlerisch religiös verbrämt wäre.  Ich respektiere seit jeher diejenigen  Gläubigen, die ihr Leben wirklich ihrem Glauben gewidmet haben. Aber die meisten der an Ostern (oder Weihnachten) plötzlich so gläubigen Menschen rennen doch an den anderen Sonn- und Feiertagen des Jahres auch nicht in die Kirchen. Sie frönen in Wahrheit einem „säkularen“ Glauben – also einem Widerspruch in sich selbst …
Ich selbst bleibe in Ermangelung eines Glaubens gern bei der Vorstellung eines traditionellen Brauches, der gerade hier in Griechenland sehr schön gefeiert wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Freunden an diesem Gründonnerstag Abend Καλό Πάσχα, frohe, geruhsame Ostertage, mit oder ohne Lamm, aber  mit einem augenzwinkernden Zitat …

Samstag, 8. April 2017

Man muß mit den Bildern allein sein. Man muß sich vor den Audiogeräten hüten. Die Bilder sind scheu, sie brauchen Ruhe. - Angelika Overath

Wie meine Blogleser wissen, schreibe ich hier fast nur über die Bücher, die ich nach dem Lesen irgendwie weiter in meinem Herzen tragen werde. Dieses hier gehört nun dazu. Von einer lieben Freundin ausgeliehen, die ganz richtig vermutete, daß es mir besonders gefallen könnte ...
Die fünfzigjährige Anna wird überraschend von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Ihrem ersten Impuls folgend, begibt sie sich mit spärlichem Handgepäck auf eine Reise ins Unbekannte, die sie nach u.a. nach Schottland, Skandinavien, Amerika, Holland und Paris führen wird. Sie beginnt eine Reise in berühmte Museen dieser Orte und wird dort von jeweils einem Bild "angesprochen" - so erfährt sie Vieles über die in den Bildern abgebildeten Frauen, die von ihrem Leben erzählen, den Gründen, warum sie als Bildmotive ausgewählt wurden und in welcher Beziehung sie zu den jeweiligen Malern standen. All diese Frauen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter, aber wundersamerweise drehen sie sich zu Anna um ... Sie begegnet Bildern von Gaugin, Hopper, Segantini, Ingres u.a. .
Anna vertieft sich in diese Bilder, hört den Frauen zu und begreift so auch manches in ihrem eigenen Leben,  Am Ende ihrer Reise in die Kunst und zu sich selbst ist sie eine Andere geworden ...

Die Autorin schreibt eine ruhige, schnörkellose Sprache, die den unaufgeregten Charakter der Protagonistin widerspiegelt. Die Bildbeschreibungen und Bildinterpretationen sind faszinierend, zeugen von der bemerkenswerten Beobachtungsgabe der Autorin und machen beim Lesen tatsächlich Lust auf den nächsten Museumsbesuch. Kleiner Lesetipp: Hilfreich ist auf jeden Fall, die Lektüre des Romans ab und an zu unterbrechen und sich die Bilder im Internet anzusehen, um dem Geschriebenen auch folgen zu können.

Ein ganz kurzer Einschub im Roman, der aus dem Schema der beschriebenen Museumsbilder ausbricht, ist die Konfrontation der Protagonistin mit einem aktuellen Zeitungsbild von vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlingen. Meisterhaft und berührend, wie die Autorin sich diesem schrecklichen Bild auf wenigen Seiten im Roman annähert:

Jetzt sah sie dreizehn Körper nebeneinander aufgereiht gleich hinter der Wasserlinie. Wie eingepackt, oder verpackt.... Und wenn Anna nun blitzartig (entgegen ihrem Verständnis) an Kunst dachte, war das hier doch einfach nur Leben. Oder eben nicht mehr Leben. Ein radikales Ready-Made. ... 
Sie sah die eingehüllten Körper, wie sie so aufgebahrt - aber sie waren ja nicht aufgebahrt! - nebeneinander liegen. Einer längs neben dem anderen, jeder ein wenig verschieden unter seinem sehr weißen Tuch, auf einem weißen, freilich weniger weißen, nassen Sandstrand, vor dem graublauen Saum des Meeres. ... Allein vor Lampedusa sollen bislang 20000 Menschen ertrunken sein. Wiederholt hatte Anna diese Zahl gelesen. Immer war dagestanden "etwa 20000". Nie hatte eine Zeitung geschrieben "etwas 20007". Dabei wäre das genauso richtig oder falsch gewesen. Bei einem Sonderangebot hätte man vielleicht 19999 geschrieben. Die Zahlen in ihrer ungefähren Ungeheuerlichkeit waren bekannt. Wie die Gründe für die Fluchten, die Umstönde der Überfahrten. Normale Skandale im Abendfernsehen, gemütliche Schanden. Warum also sah sie jetzt so genau hin? Warum konnte sie sich nicht von diesen Bildern lösen?
Es waren die Füße.... Füße unter einem zu kurzen Leintuch. ... Bei fast allen jungen Toten kippten, da sie auf dem Rücken lagen, die Füße nach außen, wie Hände, die einen Ball fangen wollten. Da die Öffnungswinkel und die Größe der Füße verschieden waren, hatte ein jeder doch sein eigenes Profil, sein Muster, das in dieser Situation ein Ersatzgesicht war. Der Drittletzte der Reihe hatte die Füße übereinandergelegt, als falte er sie. 
Anna berührte den Bildschirm. Die Paare der Füße waren so klein, daß sie auf ihrer Fingerspitze Platz hatten. Noch vor ein paar Stunden waren diese Füße groß gewesen, zu lebendig für ein Photo. Man hätte sie noch leicht wärmen können. Hier, zieh doch Socken an, hätte man sagen können. Und dann mit warmem Atem pusten und mit den Händen rubbeln. Aber davor freilich hätte man ihnen entgegenschwimmen müssen. Jetzt aber konnte Anna nicht und auch sonst niemand mehr etwas gut machen.

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Kunstfreunde.

Sonntag, 26. Februar 2017

Auf der Welt wimmelt es: Alles ist möglich. - John Cage

Nicht oft kaufe ich mir ein soeben erst erschienenes Buch. Das muß schon ein von mir besonders geschätzter Autor sein und ein besonders interessantes Thema noch dazu. Im Fall von Paul Auster erschien mir das Warten auf die billigere Taschenbuchausgabe definitiv zu lang...

Der Leser taucht in die Geschichte von Archie Ferguson ein, in die Welt der dritten Generation jüdischer Einwanderer in Amerika. Und Auster erzählt von dieser Welt nicht einmal, sondern gleich viermal: Die vier Versionen des Archie Ferguson, nicht linear, sondern parallel erzählt. Jedes Kapitel beinhaltet vier Unterkapitel, den jeweils vier verschiedenen Lebensgeschichten gewidmet.
Allein die Geschichte seiner Vorfahren ist die gemeinsame Konstante. Ausgehend davon enwickelt der Autor vier verschiedene Lebensentwürfe - den äußeren Umständen, aber auch den persönlichen Entscheidungen und nicht zuletzt den von uns nicht beeinflußbaren Zufällen und Unvorhersehbarkeiten geschuldet, diesem uns allen bekannten "General Purer Zufall, dem Kommandeur der Urnen, Särge und sämtlicher Friedhöfe". 
Wir lesen nicht nur vier Geschichten, eng verstrickt mit den historischen Ereignissen der 50er und 60er Jahre, sondern begleiten den äußerst begabten Protagonisten in seiner menschlichen und intellektuellen Reifung - mit unzähligen  Einblicken in Film, Kunst, Literatur und vor allem in das Handwerk des Schriftstellers, denn darin ähneln sich alle vier: in ihrer Liebe zur Literatur und zum Schreiben. 
Die einzelnen Erzählstränge hätten jeweils ein eigenes Buch ergeben können, und ein ungeduldiger Leser könnte getrost auf die Idee kommen, einfach linear zu lesen, indem er sich durch die Kapitel vorblättert. Aber Auster gelingt hier ein meisterhafter Kunstgriff:  Er läßt die vier Erzählstränge in der Romanstruktur parallel ablaufen, verwebt sie aber durch dieselbe Ausgangssituation, denselben Protagonisten in vier Versionen, mit denselben Nebenfiguren und ihre in jeder Geschichte jeweils unterschiedlichen Beziehungen zu ihm. Genau in diesem Spannungsfeld entlädt sich die Eigenheit dieses atemlosen Romans, was dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt.
Salopp ausgedrückt bekommt man mit diesem Buch vier großartige Prosastücke  zum Preis von einem. Daß man dafür ganze 1200 Seiten im wahrsten Sinne des Wortes "stemmen" muß, sei nur nebenbei bemerkt  und ist bei so einer Thematik und so einem Autor tatsächlich leicht zu verschmerzen  😏.

Ein Leben in vier Versionen erzählen, die zur "Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege" werden. Und so hat der Protagonist das Gefühl, dass "die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer."

Wer von uns hat sich nicht schon einmal die Frage nach dem "Was wäre gewesen wenn" gestellt? Auster ist diesem Gedanken in seinem Buch nachgegangen, hat daraus vier Versionen eines einzigen Lebens gemacht -  und einen einfach grandiosen Roman geschrieben!
4321 wurde von der Literaturkritik  als "opus magnum" des mittlerweile 70jährigen Autors gepriesen - dem ist nichts hinzuzufügen.
(Dennoch hat so ein Superlativ auch etwas Endgültiges - und ich will nicht hoffen, daß dieses Buch das letzte gute war, das wir von Auster zu lesen bekommen!)