Dienstag, 18. Juli 2017

Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß. - Goethe

Seit über 20 Jahren bin ich eine Fremde in der Fremde.  Eigentlich wollte ich nie nach Griechenland. Italien war von den ersten Studientagen an erklärtes Lebensziel.  Daß es dann anders gekommen ist, ist – wie vieles in unserem Leben - dem Zufall zuzuschreiben.
Ich schicke also voraus, daß  ich in Wahrheit nicht zu den unzähligen Deutschen gehöre, die quasi mit wehenden Fahnen nach Griechenland gekommen sind, um Sonne, Strand und Meer zu genießen. Es war eher ein verhaltenes Gefühl von Neugierde gepaart mit einer gehörigen Prise Fatalismus 😉 .

Und so lebe ich nun seit über 20 Jahren in einem Land, in das ich nicht unbedingt wollte - zumindest stand es nicht auf der Wunschliste des Lebens. Aber ehe man sich versieht, vergehen die Jahre, der Lebensraum wird zur allzu geliebten Gewohnheit und man richtet sich ein. 

Heute kann ich sagen, dass mir Deutschland immer weniger fehlt. Neulich sagte mir eine Freundin, da ich nicht mehr regelmäßig in Deutschland wäre, wäre mir auch das Bedürfnis nach meiner Heimat abhanden gekommen. Eine seltsame Überlegung, wäre doch die logische Reaktion auf diesen "Entzug" ein immer stärker werdender Wunsch nach der Heimat. Aber die Eltern sind tot, meine Freunde von früher sind in alle Winde der Welt verstreut. Es ist im Laufe der Jahre ruhig geworden um mich, um sie und damit auch um unsere gemeinsame Heimat und Vergangenheit …

So wird man als Seelenwanderer zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen und Mentalitäten mit zunehmendem Alter mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Und oft stelle ich mir selbst die Frage, warum zieht es mich nicht mehr so in meine Heimat wie früher als z.B. die Eltern noch lebten?  Sicherlich ist mit ihnen das wichtigste Verbindungsglied verschwunden. Aber darüberhinaus liegt es auch an mir selbst. Die langen Jahre fern von der Heimat haben ihre Spuren hinterlassen, haben mich verändert und haben mich in dem Lebensraum verankert, den mir der Zufall zugedacht hat. Und das ist richtig und gut so. 

Was mich in der ersten Zeit hier am meisten störte, war dieses Leben zwischen den Stühlen, dieses Leben quasi im Zwischenraum. Ich stellte schnell fest, dass es nicht ehrlich ist, nicht wirklich lebbar ist – jedenfalls nicht für mich. Ich konnte mit meiner Heimat als ewiger "Hintertür" nicht aufrichtig in einem Land leben, das sich in so vielem von unserem Leben in Deutschland unterscheidet.  Meine Arbeit brachte es mit sich, dass ich von Anfang an fast ausschließlich zu Griechen Kontakt bekam. Kontakte zu netten Landsleuten kamen eher zufällig zustande, da ich mich ganz bewußt nicht ausdrücklich darum bemühte. Ich spürte instinktiv, daß ich nicht inmitten einer deutschtümelnd geistigen Enklave in einem fremden Land leben kann.

Dennoch spüre ich nach all diesen Jahren einen für mich entscheidenden Zwischenraum, dem auch ich nicht entkomme: Wenn ich überhaupt noch ein „Fremdeln“ empfinde, dann nur in der Sprache.  Meine Muttersprache ist mein ureigenstes Ausdrucksmittel, die fremde Sprache bleibt letztendlich immer fremd, obwohl ich mich zugegebenermaßen recht gut in ihr eingerichtet habe. Aber niemals werde ich in der Lage sein, mich in der fremden Sprache exakt so auszudrücken wie in meiner eigenen. Niemals werde ich das ständige Suchen nach dem richtigen Ausdruck überwinden können. Die fremde Sprache wird in meinem Sprachverständis immer nur eine ungefähre bleiben, die mir in so manchem interessanten Gespräch eine tiefer gehende Mitteilung verwehrt. Aber dies ist für mich persönlich der einzige Wermutstropfen meines Lebens hier, den ich mir mit Lesen und Literatur jedoch einigermaßen versüßen kann ... 😉


Abgesehen jedoch von meiner Sprache, kann ich kein Leben im Zwischenraum leben. Dabei fällt mir spontan der berühmte Satz Adornos aus seinen Minima Moralia ein: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" - ein vielfältig interpretierbarer Satz natürlich, aber ich kann ihn deshalb auch auf meine Situation beziehen; denn es gibt nicht wenige Landsleute von mir, die hier unbewusst ein falsches Leben führen. Sie saugen die Vorteile auf wie trockene Schwämme und echauffieren sich im selben Atemzug mit übertriebener Hingabe über die Nachteile - die übrigens alle Länder der Welt im Überfluss zu bieten haben. Sie bleiben dabei ganz unbewusst ihrer angeborenen Mentalität verhaftet, deren Nachteile aber seltsamerweise nur selten von ihnen selbst hinterfragt werden. Sie bleiben in Wirklichkeit den Zwischenräumen verhaftet, am Ende sind viele von ihnen weder hier noch dort wirklich zuhause.

So aber macht man sich am Ende "falsch", denn man hat sich in einer Art selbstgewählter Vermeintlichkeit eingerichtet.
Und man verzichtet auf das größte Geschenk, das gerade so ein Leben weitab der Heimat uns machen kann: Uns selbst, unsere Mentalität und unser Land durch den Blick der Anderen besser zu verstehen lernen.