Sonntag, 13. August 2017

Auf der Suche nach einer Geschichte?


Da wird man unverhofft in eine Gruppe eingeladen, in der sich vielseitig Literatur- und Sprachbegeisterte dazu aufmachen, eine Geschichte zu schreiben, in der einige vorgegebene Wörter beinhaltet sein sollten ... 

Nun ist das LEBEN selbst bei der hobbymäßigen Betätigung des Schreibens kein Zuckerschlecken. Allzu oft verheddert man sich in den Fäden des Alltags, in den Anforderungen und Unwägbarkeiten jedes einzelnen Tages, der gelebt werden muss. Die Vorstellung des erfolgreichen (oder zumindest vom wohlmeinenden BESTEN FREUND gelobten) Schriftstellers bleibt nur allzu oft ein sehnsuchtsvoller TRAUM.  
So manch Einer hat vielleicht die Möglichkeit, sich während eines Urlaubs in ANDALUSIEN oder anderen hitzegeflirrten Gefilden der SONNE hinzugeben und dabei seine Gedanken in ungeahnte, schriftstellerische Höhen schweifen zu lassen und diese brilliant zu Papier zu bringen …
So manch Einer wird in unzähligen, viel zu langen Nächten versuchen, die Mühsamkeiten des Tages abzuschütteln und sich dem Verfassen eines wunderbaren Textes zuzuwenden, in der Hoffnung auf phantasiereiche Erlösung …
So manch Einer wird nach unzählig verworfenen ersten Sätzen  BLUT und Wasser schwitzen und den Schreibversuch auf die nächste masochistische Lebensphase verschieben …

Wie auch immer: wir befinden uns also auf der Suche. Nicht nach der sprichwörtlichen verlorenen Zeit, auch nicht nach dem den passionierten Theaterbesuchern geläufigen Autor -  in unserem Falle erklärtermaßen nach dem Autor in uns selbst, nach einer Geschichte, nach einem Gefühl, nach einem Erlebnis, das wir in irgendeine literarische Form fassen könnten. 

Dem Einen mag das pointierte Haiku genehm sein, dem  Anderen die etwas längere Kurzgeschichte.  In unserer noch ungereimten Phantasie, in der es sich nicht selten besser als in der Wirklichkeit tummeln lässt, versuchen wir, unsere Kreativität zu entdecken und diese dann ganz real schriftlich auszuleben. Wir versuchen, unsere Gedanken Kinderhand entwichenen LUFTBALLONS gleich in ungeahnte Höhen steigen zu lassen, hoffend, dass sie wie ein Bumerang zu uns zurückkommen mögen – selbstverständlich schön ausgeformt in wohlfeilen Worten.

Wenn es denn so einfach wäre! Schreiben bedeutet Ringen um Gefühle, Ringen um Einfälle, Ringen um Erinnerungen, Ringen um Abstraktion und Ringen um jeden einzelnen Satz, um jedes einzelne Wort. Schreiben ist selbstauferlegte Arbeit, verlangt den Luxus von Zeit, offene Augen und Sinne, Unvoreingenommenheit und Selbstkritik. Schreiben ist mit dem Leben selbst zu vergleichen.


Und während ich noch auf der Suche nach der kreativen Eingebung bin, erkenne ich, dass das Leben, das Erleben, Interpretieren, Reagieren und Verstehen all dessen, was tagtäglich um mich herum vor sich geht, eben diese meine Geschichte hätte sein können  – so wie diese Suche, die sich mittlerweile allerdings von selbst erledigt hat, weil sich die besagte Facebook-Gruppe nach nur kurzer Zeit ins unkreative Nichts verflüchtigt hat … 
😏😏😏

Dienstag, 1. August 2017

Als die Sonne sich dem Horizont näherte und dabei Glanz und Form verlor und schließlich als rote Ellipse in bleigrauem Dunst versank ... Christoph Ransmayr

Einige schöne Bücher konnte ich in letzter Zeit wieder lesen, eines davon und ganz besonders erwähnenswert ist dieses:
Der Atlas eines ängstlichen Mannes des von mir sehr geschätzten Autors Christoph Ransmayr.

Das Buch ist eine Sammlung von siebzig Reisegeschichten, die Ransmayr in die nahen, aber vor allem auch entferntesten Ecken der Welt brachten. Dies sind bei weitem keine alltäglichen Reisebeschreibungen, sondern Momentaufnahmen, in ihrer Beobachtungsgabe beeindruckende "Miniaturen", mit Blick auf die dem Reisenden begegneten Menschen oder zufällig mitgelebten Begebenheiten: in Sevilla, auf der Chinesischen Mauer, auf Ios, in Vietnam, Bolivien, Griechenland, Moskau, Wien, auf den Osterinseln, in Amerika, Mexiko, der Türkei, am Nordpol etc. Ich erspare es dem Leser, die siebzig Orte dieser Erzählungen sinnlos aneinanderzureihen ...  😏

Der Leser wird in diesem Buch mehr als reich belohnt mit den vielen Menschen, die dem Autor ihre Geschichten und manchmal auch die Geschichte ihrer Heimat erzählen. Ransmayr hat dabei immer den Blick auf die Einzelheit, die besondere Begebenheit, die er in ein Ganzes einzufügen weiß. So erhält man als Leser das überwältigende Gefühl, diesen Orten, die wir selbst wohl nie werden besuchen können, am Ende doch etwas näher gekommen zu sein ... Dies gelingt wohl nur wenigen Autoren!

Ich gebe zu, oft innegehalten zu haben, gar die eine oder andere der siebzig Geschichten noch einmal gelesen zu haben. Nicht unbedingt nur die Geschichten von den allzu wenigen Orten, die ich selbst kenne, nein, auch jene über mir unbekannte Orte, die mich nichtsdestotrotz aufgrund von Ransmayrs wundervollen Sprache, Einfühlungsvermögen und beobachtender Genauigkeit zum nochmaligen Lesen geradezu aufforderten. So taucht der Leser in einen "allumfassenden Mikrokosmos" ein - wobei ich mir des hier gebrauchten Oxymorons durchaus bewusst bin ...
Und gerade als ich über dieses Oxymoron nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass gerade darin vielleicht der Charme und die Genialität dieses Buches liegen: Wir lesen Geschichten, die sich in allen erdenklichen Teilen der Erde abgespielt haben, und stellen fest, wenn wir das Buch schließen, dass sie alle doch nur exemplarisch für unser Leben auf dieser Welt stehen. Eine andere, eine vielfältigere und interessantere bekommen wir nicht - sie ist alles, was wir in diesem einen unserem Leben haben können. Mehr als genug wie mir scheint ...

Ein schönes Interview mit Christoph Ransmayr aus dem Jahre 2006, in dem er über das Reisen und seine Reisen spricht - lange noch bevor er dieses Buch hier geschrieben hat -, findet Ihr hier .