Dienstag, 1. August 2017

Als die Sonne sich dem Horizont näherte und dabei Glanz und Form verlor und schließlich als rote Ellipse in bleigrauem Dunst versank ... Christoph Ransmayr

Einige schöne Bücher konnte ich in letzter Zeit wieder lesen, eines davon und ganz besonders erwähnenswert ist dieses:
Der Atlas eines ängstlichen Mannes des von mir sehr geschätzten Autors Christoph Ransmayr.

Das Buch ist eine Sammlung von siebzig Reisegeschichten, die Ransmayr in die nahen, aber vor allem auch entferntesten Ecken der Welt brachten. Dies sind bei weitem keine alltäglichen Reisebeschreibungen, sondern Momentaufnahmen, in ihrer Beobachtungsgabe beeindruckende "Miniaturen", mit Blick auf die dem Reisenden begegneten Menschen oder zufällig mitgelebten Begebenheiten: in Sevilla, auf der Chinesischen Mauer, auf Ios, in Vietnam, Bolivien, Griechenland, Moskau, Wien, auf den Osterinseln, in Amerika, Mexiko, der Türkei, am Nordpol etc. Ich erspare es dem Leser, die siebzig Orte dieser Erzählungen sinnlos aneinanderzureihen ...  😏

Der Leser wird in diesem Buch mehr als reich belohnt mit den vielen Menschen, die dem Autor ihre Geschichten und manchmal auch die Geschichte ihrer Heimat erzählen. Ransmayr hat dabei immer den Blick auf die Einzelheit, die besondere Begebenheit, die er in ein Ganzes einzufügen weiß. So erhält man als Leser das überwältigende Gefühl, diesen Orten, die wir selbst wohl nie werden besuchen können, am Ende doch etwas näher gekommen zu sein ... Dies gelingt wohl nur wenigen Autoren!

Ich gebe zu, oft innegehalten zu haben, gar die eine oder andere der siebzig Geschichten noch einmal gelesen zu haben. Nicht unbedingt nur die Geschichten von den allzu wenigen Orten, die ich selbst kenne, nein, auch jene über mir unbekannte Orte, die mich nichtsdestotrotz aufgrund von Ransmayrs wundervollen Sprache, Einfühlungsvermögen und beobachtender Genauigkeit zum nochmaligen Lesen geradezu aufforderten. So taucht der Leser in einen "allumfassenden Mikrokosmos" ein - wobei ich mir des hier gebrauchten Oxymorons durchaus bewusst bin ...
Und gerade als ich über dieses Oxymoron nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass gerade darin vielleicht der Charme und die Genialität dieses Buches liegen: Wir lesen Geschichten, die sich in allen erdenklichen Teilen der Erde abgespielt haben, und stellen fest, wenn wir das Buch schließen, dass sie alle doch nur exemplarisch für unser Leben auf dieser Welt stehen. Eine andere, eine vielfältigere und interessantere bekommen wir nicht - sie ist alles, was wir in diesem einen unserem Leben haben können. Mehr als genug wie mir scheint ...

Ein schönes Interview mit Christoph Ransmayr aus dem Jahre 2006, in dem er über das Reisen und seine Reisen spricht - lange noch bevor er dieses Buch hier geschrieben hat -, findet Ihr hier .